Tom Esser M.Sc.
Osteopath D.O. M.R.O.
und Heilpraktiker
Britischer Osteopath GOC
Mitglied von VOD/AAO/GOC

Publikationen

Der biodynamische Ansatz in der Kinderbehandlung

Vortrag von Tom Esser M.Sc. D.O. anlässlich des St. Petersburger Biodynamik Kongresses „Lebendiger Schädel“ („Living Skull“), am 13. Juni 2009

 

Bevor ich über den biodynamischen Ansatz in der Kinderbehandlung spreche, möchte ich mit etwas Hintergrundinformationen über den Arzt beginnen, der diesen einzigartigen osteopathischen Behandlungsansatz entwickelt hat.

Die Bezeichnung „Biodynamische Osteopathie“ wurde vom amerikanischen Osteopathen Dr. James S. Jealous D.O. entwickelt. Um zu verstehen, wie er dieses Modell entwickelte, ist es wichtig, den beruflichen Hintergrund von Dr. Jealous zu betrachten.

Dr. Jealous, der Begründer der „Biodynamischen Osteopathie“ wurde 1943 in Maine, in den Vereinigten Staaten von Amerika geboren. Er sagt, dass er schon als Osteopath geboren wurde, als Sohn und Neffe von Osteopathen. Bereits mit 14 Jahren arbeitete er in einem osteopathischen Krankenhaus. Als er 18 war begann er zuerst mit dem Studium der Radiologie und dann mit der osteopathischen Medizin an der A.T. Still University in Kirksville, Missouri, USA. Im Jahre 1966 nahm er an seinem ersten Kurs in kranialer Osteopathie an der SCTF (Sutherland Cranial Teaching Foundation) teil, welche noch von Dr. Sutherland selbst gegründet worden war. 1970 graduierte er in osteopathischer Medizin und baute eine Familienpraxis auf dem Lande auf. Seit über 40 Jahren ist er nun schon als Praktizierender, Lehrer und Mentor tätig.

Er hatte das Glück, dass seine Mentoren einige der ursprünglichen Schüler Dr. Sutherlands waren wie Dr. Ruby Day, Dr. Rollin Becker, Dr. Alan Becker und Dr. Anne Wales. Viele der Traditionen, die Dr. Jealous mündlich überliefert bekam, können zurückverfolgt werden zu Dr. Sutherland und letztlich zu Dr. Still. Laut Dr. Jealous bleibt die mündliche Tradition weiterhin essenziell bei der Weitergabe des Geistes und der Praxis der Osteopathie.

Dr. Ruby Day war mehr als 10 Jahre lang Dr. Jealous´ Lehrerin, Mentorin und Freundin.
1975 begann er, unter seinem Mentor Dr. Rollin Becker für die SCTF zu unterrichten.
1978 traf er Dr. Alan Becker, mit dem er – wie er berichtet - einen regen Austausch über das Thema der „Primären Atmung“ hatte.
1987 gründete er die Ann Wales Studiengruppe zusammen mit Sue Turner und Stuart Korth aus England und 1988 gründete er zusammen mit Dr. Anne Wales und Dr. Hogopian die Neu-England Studiengruppe. Dr. Ann Wales blieb Dr. Jealous´ Freundin und Mentorin bis zu ihrem Tode im Jahre 2007.

Dieser kurze Überblick, der nur ein paar von Dr. Jealous´ Lehrern nennt, macht deutlich, dass seine Ausbildungserfahrung durch die mündliche Tradition zurückverfolgt werden kann zu Dr. Sutherland und letztlich zu Dr. Still, dem Begründer der Osteopathie.

Als Nächstes möchte ich den Begriff „Biodynamik“ erkunden und wie er sich zum Biodynamischen Ansatz in der Osteopathie verhält.

Im Jahr 1982 bereitete Dr. Jealous einen Vortrag über Embryologie für die SCTF vor. Dabei kam ihm ein Buch der Embryologen Dr. Blechschmidt und Dr. Gasser in die Hände. Das Buch trug den Titel „Biokinetik und Biodynamik der menschlichen Entwicklung“. Dr. Jealous las Dr. Blechschmidt´s Beschreibung der embryologischen Entwicklung der metabolischen Felder. Er bildete die Verknüpfung zwischen dem, was Dr. Blechschmidt die metabolischen Felder nannte und dem, was Dr. Sutherland als die Flüssigkeitsfelder beschrieben hatte. Dr. Blechschmidt sah den ganzen Embryo in einem morphogenetischen Feld, während Dr. Sutherland einen physischen Körper in Kommunikation mit einem Flüssigkeitskörper beschrieben hatte.

Das Ganze zu sehen ist das erste osteopathische Prinzip. Leider wird dies bei der Diagnose und der Behandlung oft vergessen. In der allopathischen Medizin schauen wir typischerweise auf Teile ( Symptome), ohne das Ganze zu beachten ( Ursache). In der Biodynamik sind wir primär am Ganzen interessiert. Dies ist von besonderer Bedeutung bei der Behandlung von Kindern, wo die innewohnenden Kräfte des Lebens noch im Vordergrund sind.

Vor einigen Jahren hat ein Wissenschaftler des MIT in Boston berichtet, dass die Kräfte, die uns formen dieselben Kräfte sind, die uns heilen und gesund erhalten. Im biodynamischen Ansatz nutzen wir die Kräfte, die in uns sind zusammen mit Kräften, die von der äußeren Umgebung kommen. Dr. Blechschmidt beschrieb die äußeren Kräfte als extragenetische Kräfte, während Dr. Sutherland sie die Tide nannte, die vom See um uns herum kommt.

Dr. Jealous erforschte und verfeinerte was er von seinen osteopathischen Mentoren gelernt hatte, bezog Dr. Blechschmidt´s Konzepte mit ein und nannte es „Das Biodynamische Modell der Osteopathie“. Die biodynamischen Ausbildungskurse begannen im Jahre 1994 und für den ersten biodynamischen Kurs gab es 800 Bewerber. Dr. Jealous hat zurzeit elf Lehrer autorisiert, die das Biodynamische Modell der Osteopathie in der ganzen Welt lehren. Seit 2008 gibt es auch Kurse in Russland.

Die postgraduierte Ausbildung für das Biodynamische Modell der Osteopathie umfasst acht Kurse. Zusätzlich dazu werden von der biodynamischen Fakultät drei gesonderte Kurse angeboten, die speziell auf die Behandlung von Kindern ausgerichtet sind.

Nun möchte ich einen Überblick über den Biodynamischen Ansatz in der Kinderbehandlung geben:

Die Behandlung eines Kindes unterscheidet sich von der Behandlung eines Erwachsenen. Die Kräfte, welche die Form hervorbringen, produzieren einen sich dauernd verändernden Zustand von dynamischer Balance im Ganzen. Dysfunktion kann Zerteilung bewirken, sodass das Kind nicht auf optimale Weise wachsen, sich entwickeln und entfalten kann.

Ein Kind kann nicht wie ein Erwachsener behandelt werden, aber ein Erwachsener kann wie ein Kind behandelt werden. Das Hauptprinzip bei der Kinderbehandlung ist, transparent zu sein für die Bewegung des Erschaffens die durch das Kind geht. Das biodynamische Modell hält sich an dieses Prinzip und strebt danach, ausschließlich die innewohnenden Kräfte der primären Atmung anzuwenden. Dies verlangt vom Osteopathen, dass er keinerlei Kraft in das System bringt, um eine erwünschte Veränderung herbeizuführen. Wenn der Osteopath nach dem biodynamischen Modell arbeitet, dann bewegt er sich nicht in Richtung der Restriktion oder der Dysfunktion (direkte Technik), sondern er sucht vielmehr nach der unwillkürlichen Bewegung und geht in die Richtung der Leichtigkeit und unterstützt damit die Gesundheit.
Es wird berichtet das Sutherland indirekte Techniken den direkten Techniken vor zog.
Er machte diese Aussage in Bezug auf das funktionelle Modell der Osteopathie und zur Unterscheidung von einem biomechanischen Modell.

In der ersten Auflage von „Osteopathie im kranialen Feld“ fasst Dr. Sutherland Dr. Stills Ergebnisse zusammen:

„Die Bewegung soll von einem höheren Wesen geleitet und geführt werden, hinab zur individuellen Zelle – ansonsten gibt es Chaos und Tod.“ Dr. Still verstand die cerebral-spinale Flüssigkeit als das höchste bekannte Element im menschlichen Körper. Er stellte sich diese Flüssigkeit als einen Vermittler in der Bewegung der göttlichen Intelligenz vor, als ein Kanalisieren der Schöpfung in embryologischen Segmenten und als Bewässern mit lebensspendender Form und Funktion, Ordnung und Intelligenz unserer Existenz. Ohne sie gäbe es nur Verfall und Chaos. Das gesamte Leben manifestiert sich in dieser Bewegung.

Dr. Sutherland hat durch seine direkte Beobachtung gespürt, dass die cerebral-spinale Flüssigkeit den „Atem des Lebens“ empfängt. Er spürte einen geheimnisvollen Funken von unfehlbarer Potency, die intelligent und lenkend ist die und an die Stelle aller anderer Funktionen tritt. Er hat sie primäre Atmung genannt, weil sie transzendent ist. Er beobachtete, wie die primäre Atmung metabolische Prozesse steuert - einschließlich des Wachstums, der Entwicklung und der Behebung von Dysfunktion.

Die praktische Anwendung davon wird im Workshop „Der Treffpunkt mit dem Kind“ vorgestellt.

Zitat vom Begründer der Biodynamischen Osteopathie Dr. James S. Jealous D.O.:
„Kinder lassen unsere Liebe erwachen. Wir treffen sie am Treffpunkt, wo sie kommen und uns abholen.
Gemeinsam mit einem Kind wach zu sein ist eine wahre Form der Kontemplation.
Wenn wir uns von unseren Mustern an erlerntem Verhalten leeren, dann treffen wir sie und sie machen uns wach für die Bewegung der Schöpfung.
Wenn wir uns gelöst in der Gegenwart von Kindern befinden, sodass wir uns der bekannten dritten Ebene der Stille im See um uns herum bewusst sind, dann finden wir leichten Zugang zu den normalen Eigenschaften eines Kindes – sowohl in uns selbst als auch in ihm.

Der 4-stündige Workshop am Sonntag wird beinhalten:

Der Treffpunkt mit dem Kind

Das Wichtigste bei der Kinderbehandlung ist, eine Kommunikation mit dem Kind aufzubauen.

Vor jeglicher Behandlung streben wir danach, das Kind zu treffen.
Der primäre Fokus sollte dabei auf der Synchronisierung mit dem Ganzen und mit den therapeutischen Kräften der Umwandlung, wie sie sich im Moment ausdrücken, liegen.
Im Workshop werden wir anfangen, zu erkennen, wie man das Kind trifft, wie man Missverhältnisse im Ganzen aufspürt, sowie wie man sich mit dem Ganzen synchronisiert und es wieder ausgleicht bis zu einem therapeutischen Ende.

Dieser Pädiatriekurs ist auf eine einzigartige Weise zusammengestellt, sodass Menschen ohne vorherige spezielle Erfahrung in kranialer Osteopathie anfangen können, die am weitesten verbreiteten Zustände bei Kindern sicher und wirkungsvoll zu behandeln. Es geht dabei nicht um die Knochen, um direktes oder indirektes Einwirken. Es ist ein sehr intensiver Kursus, der mit dem ganzen Kind als einem anfänglichen fühlbaren Erlebnis beginnt. Danach durchlaufen wir verschiedene Phasen bis hin zur Fähigkeit, direkt einwirken zu können, wenn und falls dies nötig ist.

Dr. James S. Jealous D.O.,
Begründer des Biodynamischen Ansatzes in der Kinderbehandlung


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