Tom Esser M.Sc.
Osteopath D.O. M.R.O.
und Heilpraktiker
Britischer Osteopath GOC
Mitglied von VOD/AAO/GOC

Publikationen

Eine Einleitung in die Biodynamik der Osteopathie im kranialen Bereich

(Ein Interview mit James Jealous, Auckland, Neuseeland, Februar 2004)
Übersetzung: Tom Esser M.Sc. , D.O., Berlin
erschienen in "Osteopathische Medizin - Zeitschrift für ganzheitliche Heilverfahren"
7. Jahrgang Heft 3/2006

 

Jim S. Jealous D.O. wurde, nach eigener Aussage, 1940 als "Osteopath" geboren und wuchs in Maine (USA) unter Osteopathen auf. Schon mit 14 Jahren jobbte er im Osteopatischen Krankenhaus in Maine, mit 18 Jahren studierte er dort Radiologie. 1965 begann er sein osteopathisches Medizinstudium am Osteopathie-Kolleg in Kirksville, Missouri. Zu dieser Zeit war er "Fellow" in Anatomie und unterrichtete schon die unteren Jahrgänge. Er graduierte 1970 und absolvierte sein Anerkennungsjahr am osteopathischen Krankenhaus in Maine. 1966 machte er seinen ersten Kurs mit der SCTF (Sutherland Cranial Teaching Foundation; von Sutherland selbst gegründet), wurde dann etwas später Mitglied und war mit im Vorstand bis 1993. Er begann 1975 dort zu unterrichten, mit Rollin Becker als Mentor. 1973 traf Jealous Dr. Ruby Day, eine der ersten Schülerinnen und spätere Kollegin Sutherlands, die ihn bis zu ihrem Tod Mitte der achtziger Jahre als einzigen Schüler unterrichtete. 1978 lernte er Alan R. Becker kennen und hatte auch mit ihm einen regen Austausch über das PRM. Er gründete 1988 zusammen mit Dr. Hogopian und Anne Wales die New England Osteopathic Studygroup und 1987 die Anne Wales Studygroup mit Sue Turner und Stuart Korth aus England. Von 1971-1998 unterrichtete er Osteopathieschüler in seiner Praxis in Maine. Seit 10 Jahren ist er der Präsident des Osteopathischen Zentrums für Kinder in London. Er hat eine Auszeichnung als Professor für das New England College of Osteopathic Medicine und unterrichtet dort seit 1978. Sein eigenes Konzept "The Biodynamics of Osteopathy" unterrichtet er seit 1994 weltweit. Er lebt momentan in New Hampshire und verbringt viel Zeit in der Natur, um sein Lehrmodell zu verfeinern.

Interviewer: Dr. Jealous, erzählen Sie uns, warum sie sich entschlossen haben, das Modell Biodynamik zu nennen.

J. Jealous: Das ist eine lange Geschichte, aber ich werde versuchen, mich so kurz wie möglich zu fassen. Im Hinblick auf die Sprache bzw. Terminologie in der Osteopathie liegt uns derzeit sowohl ein biomechanisches Modell als auch ein funktionelles Modell der Behandlungsprinzipien und auch der Diagnostik vor. Sehen wir uns das biomechanische Modell genauer an, so befassen wir uns eigentlich mit axialer biomechanischer Bewegung, die zwischen Segmenten stattfindet. Dabei ist der Endpunkt der Behandlung dann erreicht, wenn wir eine Normalisierung des Bewegungsausmaßes zwischen den Segmenten bekommen. Funktionelle Technik fängt eigentlich an dem Punkt erst an. Vom Endpunkt der Biomechanik ausgehend, also der intersegmentalen Bewegung, die leicht ist, war der nächste Schritt möglich - der meiner Meinung nach auch der nächste evolutionäre Schritt in der Osteopathie war: Es fand jemand heraus, dass man diese Bewegung nutzen konnte, anstatt wie gehabt an die Grenze zu gehen und wirklich Kraft einzusetzen, um eine Bewegung in Richtung "Ease" (Leichtigkeit) zu ermöglichen. Wenn wir also bei somatischen Dysfunktionen beginnen, in Richtung "Ease" zu gehen, findet während des therapeutischen Prozesses eine völlig andere Art der Aktivität statt. Es kann sein, dass wir bei der funktionellen Technik im Anschluss an den Beginn einer Bewegung in Richtung "Ease" bei etwas enden, was wir den Neutralpunkt nennen. So erweitern wir beim Übergang von biomechanischen Prinzipien zu funktionellen Prinzipien eigentlich auch unsere Sprache bzw. Terminologie.

Der Neutralpunkt ist etwas sehr, sehr Spezifisches, wobei wir im Grunde genommen keinen Gewebewiderstand mehr unter unseren Händen spüren. Dazu wurde zunächst eine Läsion in Richtung "point of balance" (Balancepunkt) gebracht. Anschließend wurde versucht, die Bewegung bis zu einem Punkt zu verfeinern, bei dem es sich anfühlt, als wenn der Wind vorbei wehen könnte und die Läsion tatsächlich repositionieren oder wieder Bewegung in ein Läsionsfeld bringen könnte. Das Interessante bei der funktionellen Technik ist, dass der Therapeut nur die Hälfte der Arbeit macht. Bei der biomechanischen Technik kommt alle Kraft vom Therapeuten. Aber bei der funktionellen Technik ist unser Job halbiert. Alles was wir machen müssen, ist, diese Läsion in Richtung "Ease" zu bringen, und sie zum Neutralpunkt zu bekommen. Die eigentliche Behandlung geschieht jedoch durch die Kräfte der thorakalen Atmung, die durch das Läsionsfeld hindurchgehen, welches jetzt im Neutralpunkt ist - suspendiert, frei. Von dort aus beginnen die Kräfte sich durch die gesamte Wirbelsäule als eine Funktionseinheit durchzuarbeiten. So schaut man sich am Endpunkt der Behandlung nicht so sehr die segmentale Veränderung an, da man das gesamte muskulo-skeletale System als eine Funktionseinheit betrachtet. Bei funktioneller Technik bekommen wir deshalb ein Gefühl für das Ganze. Wir haben zum einen den Neutralpunkt und zum anderen die Vorstellung, dass der Endpunkt nicht zwischen Segmenten liegt sondern zwischen dem Ganzen und dem Segment. Es ist ein völlig anderes Behandlungsprinzip, und ich denke, es hat therapeutisch viel mehr Tiefe, sofern diese beiden Dinge gegeben sind. Eines der Dinge, die Dr. Becker mir bei meiner Ausbildung beibrachte - ich werde jetzt nicht die ganze Geschichte erzählen, obwohl sie ziemlich lustig ist - war, dass man eine Behandlung mit primärer Respiration solange nicht beginnt, bis der Patient im Neutralpunkt ist. Nachdem er mir das gesagt hatte, musste ich noch etwa 5 Jahre sehr hart arbeiten, um damit aufzuhören, die biomechanischen und funktionellen Techniken einzusetzen, die ich viel genutzt habe. So kam es, dass der Endpunkt der funktionellen Technik zum Anfangspunkt für die Behandlungen wurde, die ich von meinen Lehrern gelernt habe, sowohl von Dr. Becker als auch von Dr. DayA und anderen. Es gab weder einen Namen für diese Techniken, noch hat Dr. Becker gesagt: "Warte, bis der Patient zum Neutralpunkt kommen". Er sagte stattdessen immer: "Warte, bis der Wille des Patienten dem Willen der Primären Respiration nachgibt". Damals hatte ich keine Vorstellung von dem, was er meinte.Über die Jahre haben wir dann wirklich unsere Behandlungsweise verändert. Anstatt uns weiterhin dem Patienten mit einem Ansatz zu nähern, bei dem wir unsere eigene Kraft anbringen - das ist biomechanisch - oder indem wir ein Segment zum Neutralpunkt bringen, warten wir jetzt, bis der ganze Patient im Neutralpunkt ist. Wendet man an diesem Punkt bestimmte Prinzipien an, setzt ein automatischer therapeutischer Prozess ein, der im ganzen Patienten entsteht und der nicht auf das muskulo-skelettale System beschränkt ist. ... Es steht uns eine völlig andere Behandlungskategorie zur Verfügung, bei der der therapeutische Prozess nicht die Kontaktstelle zum Soma darstellt, sondern mit Struktur und Funktion als einer Einheit von undifferenzierter lebender Substanz in Kontakt steht. Jetzt können wir nicht wirklich sagen, dass wir funktionell arbeiten, denn dann würden wir die Prinzipien verletzen. Denn die Prinzipien von sowohl biomechanischem als auch funktionellem Modell arbeiten so, dass das Soma das endgültige Behandlungsziel ist: die Normalisierung des Soma, Defazilitation des zentralen Nervensystems und dann vielleicht ein viszeraler Effekt des defazilitierenden Prozesses. Bei der Biodynamik mussten wir mit einer ganzen Reihe neuer Erklärungen aufwarten, denn: wir befassen uns nicht mit etwas, dass durch das zentrale Nervensystem moduliert wird. Mit anderen Worten, wenn der Patient im Biodynamischen Modell zum Neutralpunkt kommt, steht er nicht unter Kontrolle des zentralen Nervensystems. Wir schauen uns also die primäre Respiration als ein therapeutisches Mittel an. Wir betrachten das zentrale Nervensystem nicht als die primäre therapeutische Kraft. Und wir sehen die Defazilitation nicht als den primären Einflussfaktor an, der die Funktionsveränderung im Organismus hervorruft, was sowohl bei der funktionellen Technik, als auch bei der biomechanischen Technik geschieht.

Sieht man sich das Wort Biodynamik an, so muss man sich meiner Meinung nach zuerst daran erinnern, dass es sich bei mir und vielen anderen Osteopathen bei der kraniellen Arbeit nicht um kranielle Knochen dreht. Es geht um primäre Respiration. Wenn wir uns die Biomechanik ansehen, betrachten wir den Therapeuten als die primäre therapeutische Kraft, die durch das zentrale Nervensystem unterstützt wird, welches er niemals fühlt. Also ist der therapeutische Prozess dazwischengeschaltet. Er wird nicht wirklich miterlebt oder bezeugt. In einem funktionellen Modell macht die Arbeit der Kliniker die Hälfte der Gleichung aus. Anschließend führen eigentlich der gesamte Organismus und seine homöostatischen Mechanismen sowie die Kräfte der primären Respiration den Rest der Arbeit aus. Was der Kliniker aber im Grunde sieht, ist, wie sich die therapeutische Kraft systemisch ausbreitet. Am Ende der Behandlung hat er eine Vorstellung davon, wie weit diese Behandlung im Bezug auf den gesamten Organismus wirklich gegangen ist, anstatt nur Veränderungen der Wirbelsäule durch das Arbeiten an unterschiedlichen Segmenten zu bewirken und durch Bewegungstests sicherzustellen, dass sie resynchronisiert sind.

Als wir dann zum Biodynamischen Modell kamen, befanden wir uns zunächst scheinbar in einer Sackgasse. Mit den Lehrern, die ich hatte, haben wir, bevor wir irgendwelche Namen oder so was hatten, über Gewebe und Fluida und "Potency" gesprochen. Themen waren auch der "fluid drive" (fluidischer Antrieb) und longitudinale Fluktuationen. Einige Lehrer haben an der "barrier" gearbeitet, andere weg von der "barrier". Das war alles sehr, sehr verwirrend. Was wir eigentlich mit unseren Händen gemacht haben, passte nicht zum Modell. Wir mussten also einen Weg der Kommunikation finden. Zudem lief der Großteil des Osteopathie-Unterrichts im kranialen Bereich, den ich erfahren habe, mündlich ab. Die Bücher, die wir hatten, trafen nicht annähernd den Standard der Behandlungen, den ich bei den einzelnen Osteopathen in den Praxen sah. Und dann waren da natürlich Leute wie Dr. Becker, die über die "long tide" sprachen. Wir standen also vor diesem ganzen Gebiet der Osteopathie im kranialen Bereich, das überhaupt nichts mit den Knochen zu tun hatte, und das wir anderen irgendwie erklären mussten. Dieser ganze konzeptionelle Prozess hat sich, meines Erachtens, nur durch die Gnade Gottes entwickelt. Mitte der Achtziger sollte ich dann für das SCTF einen Embryologievortrag halten - meinen ersten. Ich habe etwas nachgeforscht, und begann mich für gewisse embryologische Felder zu interessieren. Sutherland war ganz eindeutig ein sehr, sehr weiser Mann, denn er sprach in einigen seiner Schriften von Aspekten der Embryologie, die man nicht so leicht finden kann, außer man gräbt wirklich richtig tief in den Büchern. ... Es ist ganz offensichtlich, dass er sich auf großartige Weise mit der Embryologie sehr beschäftigte. Letztendlich, um die lange Geschichte kurz zu fassen, habe ich die Arbeiten von Dr. Blechschmidt aus Deutschland gelesen.

... Am Ende von Blechschmidts Büchern über die Biokinetik und Biodynamik der menschlichen Entwicklung, habe ich die ganzen Bilder über metabolische Flüssigkeitsfelder entdeckt. Da waren Bilder mit Pfeilen, die zu einander zeigten und Bilder mit Pfeilen, die weg voneinander zeigten sowie Bilder mit Pfeilen in entgegengesetzte physiologische Richtungen. Auch Kompression und "disengagement" (Auseinandergehen) waren abgebildet. Ich habe mir all diese Bilder angesehen und ich erinnerte mich an die Bilder in Magoun: therapeutische Bilder, die die Therapie beschrieben. Und es sind tatsächlich die gleichen Bilder. Ich erinnere mich genau an den Moment, in dem ich sagte: "Mein Gott, diese Männer haben sich die gleiche Sache angesehen". Ich weiß, dass Magoun nicht über fluidische Kräfte gesprochen hat, er sprach über Gewebekräfte. Aber ich hatte eine wirklich gute Ausbildung in Kirksville und kannte den Unterschied zwischen direkter Aktion, indirekter Aktion, entgegengesetzter physiologischer Bewegung, "Exageration" (Übertreibung), Dekompression, Disengagement und all dem. Ich hatte auch über "automatic shifting" gelesen. Ich begann also, Sutherland zu lesen. In einem Abschnitt begann er über Flüssigkeitsfluktuationen zu sprechen, über die eigene Bewegung der Fluida. Und dass die Fluida eigentlich eine Behandlung durchführen konnte und niemals einen Fehler machte. Er sagte, dass diese Flüssigkeitsfelder ""unerring Potency" (unfehlbare Kräfte) besaßen. Und ich dachte mir: 1. das ist schon ein grandioser Satz, 2. war Dr. Sutherland ein sehr präziser Mensch, und er war kein Mensch, der übertrieb. Meiner Meinung nach untertrieb er die kranielle Arbeit mit Absicht. Und so gingen meine Gedanken weiter: Weißt Du, Sutherland sagt, dass diese Fluida niemals einen Fehler machen, und dass sie all die Arbeit ausführen. Und dieser Embryologe (Blechschmidt) sagt, nachdem er 25 Jahre durch ein Mikroskop geschaut und diese Embryos betrachtet hat, dass er niemals gesehen hat, dass diese Embryos einen Fehler gemacht haben. So sagen also diese beiden Männer exakt genau das Gleiche.

Ich schaute noch in ein anderes Buch, von einem Mann namens HahnB über die molekulare Basis der Embryologie. Auch er sagte, dass er niemals gesehen hat, dass Embryos Fehler machen. Jetzt kenne ich also drei Personen, die meine Psyche beeinflussen, und mir sagen: Warte mal eine Minute, da ist irgendetwas in diesen fluidischen Feldern, das intelligent ist, das sein eigenes Gehirn hat und das seinem zentralen Nervensystem voraus geht und eigentlich die Entwicklung des zentralen Nervensystems hervorruft. Wir schauen uns jetzt also möglicherweise eine therapeutische Kraft an, welche die Gleiche ist, wie die embryologischen Kräfte von Wachstum und Entwicklung. Was wir uns jetzt über die Jahre eigentlich vorgestellt haben, und was für uns ganz gut zu funktionieren scheint, ist, dass Dr. Sutherlands "Fluid dynamics" (fluidische Dynamik) genau das gleiche ist wie die Dynamik in den embryologischen Feldern.

Wenn Dr. Sutherland wollte, dass die Fluida die eigentliche Behandlung ausführen, musste er den Patient zum Neutralpunkt bringen. Liest man in "Contributions of Thought" vom 12. April 1948 nach, so schreibt er sehr deutlich, dass sein Endpunkt für einen CV-4 ein Neutralpunkt im Patienten ist. Meiner Meinung nach legte Dr. Sutherland sehr klar dar, dass er mit den lateralen und longitudinalen Fluktuationen des Liquor cerebrospinalis arbeitete, um einen Neutralpunkt hervorzurufen, damit ein "automatic shifting" stattfinden kann. Dieses "automatic shifting", das wir nach dem Neutralpunkt wahrnehmen, ist der gleiche Prozess, der während Wachstum und Entwicklung in den biokinetischen Feldern des Embryos passiert. Um das herauszufinden, brauchte ich nur 10 Jahre, so schlau bin ich. Aber es ist doch sehr eindeutig, wenn man anfängt, darüber nachzudenken - stimmt´s?

Wenn wir nun die Behandlung eines Patienten am Neutralpunkt der Fluida beginnen, und mit bestimmten Prinzipien arbeiten, die den automatischen therapeutischen Kräften in der Fluida erlauben, zu wirken, betrachten wir das zentrale Nervensystem nicht mehr als unsere primäre therapeutische Kraft. Dieser Ansatz entfernt uns vom Funktionellen und bringt uns weg vom Biomechanischen. Also, was machen wir jetzt? Wir haben eine völlig andere therapeutische Kraft, mit der wir arbeiten. Keiner weiß, wo deren Ursprung liegt. Dr. Blechschmidt sagte, die Fluida sind biodynamisch. Seiner Meinung nach sei die Kraft hinter der Präzision von Wachstum und Entwicklung und dem fluidischen Körper, in der Osteopathie hinter dem Therapeutikum, eigentlich eine Intelligenz, die nicht an irgendeinem Ort lokalisiert ist. Dr. Blechschmidt sagte auch, dass nur der Embryo das wirkliche Geheimnis, wo diese Kraft herkommt, kennen würde. Na ja, dass war interessant für ihn, aber was bedeutet das für uns? Wir hatten diese direkte sensorische Erfahrung "mit dem See um uns herum" (Anmerkung der Redaktion: eine von Sutherlands Metaphern), so dass kranielle Osteopathen, die sich das Kranielle nicht nur im Zusammenhang mit den Knochen angesehen haben sondern tatsächlich mit der primären Respiration, seit vielen, vielen Jahren schon über Dinge wie "long tide" und das Fühlen von Dingen im Raum gesprochen haben. Und dann sprach Dr. Blechschmidt, der Embryologe, davon, dass der Embryo eigentlich ein Ausdruck seiner unmittelbaren Umgebung ist. Dass, wenn wir die unmittelbare Umgebung des Embryos verändern, er sein Wachstumsmuster verändern wird. Bei Kindern sei das das Gleiche. Also, was ist das Ideal? Was ist die ideale Umgebung, was ist die normale Umgebung für das menschliche Nervensystem? Das ist eine große Frage. Fassen wir das zusammen: Im Grunde gibt es zwischen den Augen und dem Horizont diesen riesigen Raum, in den wir eingestimmt sein sollten. Das ist zufälligerweise der Raum, in dem wir die primäre Respiration fühlen. Und ich denke, sowohl Blechschmidt als auch Sutherland waren auf derselben Seite. Sie sprachen beide von einer "unmittelbaren Umgebung" - wir reden hier jetzt über die Natur, wir reden nicht über Straßenverkehr und was sonst so los ist! Wir reden darüber, dass die natürliche Umgebung, die unmittelbare Umwelt, durch welche diese Kräfte diese Fluida beeinflussen, das Perfekte zu machen, wahrscheinlich aus der direkten Umgebung der primären Respiration hervorgeht. Wir hatten also einen Namen dafür. Wir hatten auch eine direkte sensorische Erfahrung, die wir duplizieren und unterrichten konnten. Ich habe das herausgefunden - ich habe von keinem Osteopathen über diesen Teil etwas gefunden. Niemand hat mir das je beigebracht. Jeder hat mit Becker darüber gesprochen, aber wir bekamen keine Antworten. Ich habe viel von meiner Lebenszeit in der Wildnis verbracht. Ich habe "den See um uns" und die "long tide" bei meinen Expeditionen in der Wildnis richtig gefühlt. Durch diese Kombination - dass ich unglaublich lange Zeitabschnitte in den Wäldern verbracht habe und von Dr. Becker, Dr. DayA, Blechschmidt und Sutherland sowie insgesamt viel lernen konnte - kam es eigentlich erst dazu, dass ich letztendlich, als ich Mitte der neunziger Jahre gebeten wurde, Kurse abzuhalten, sagte: Naja, wir müssen dem Ganzen einen Namen geben, denn es ist nicht funktionell, es ist nicht biomechanisch. Die Behandlungsprinzipien sind völlig andere als bei irgendeiner anderen Behandlungsmethode. Also kamen wir zu dem Wort "Biodynamik", weil es akkurat ist. Das war eine kurze Antwort - oder?

Interviewer: Können Sie mir bitte etwas darüber erzählen, was sie als die Bewusstseins- Fähigkeit, "awareness faculty", beschreiben.

J. Jealous: Über Bewusstsein wissen die meisten Leute Bescheid, Meditation kennen die meisten, und was Selbstwahrnehmung angeht, so denke ich, dass viele wahrscheinlich Carl Jung gelesen haben. Im Grunde passiert in einer osteopathischen Ausbildung etwas sehr Limitierendes:

Wir sagen unseren Schülern, sie sollen die Hände auf den Körper legen und aufmerksam sein. Als ob sie wüssten, wie man so etwas macht. Man kann nicht einfach eine Person vom Computer oder vom Fernseher weg rufen, oder jemanden, der Bücher liest, und ihr bzw. ihm sagen, er solle die Hände auf einen menschlichen Körper legen, ihn aber nicht wie ein Buch lesen. Denn genau das ist es, was sie tun werden. Also ist eines der ersten Dinge, die wir den Schülern beibringen müssen - na ja, das erste was man auch tut - wie man mit Nebenwirkungen umgeht. Das zweite, was man macht, ist, dass man ihnen beibringen muss, wie sie ihr Bewusstsein natürlich sein lassen können. Die meisten Menschen wissen zunächst überhaupt nicht, wie sie ihre inneren Wahrnehmungen einsetzen können. Sie haben einfach kein Bewusstsein dafür. Das erste Prinzip, wie man lernt mit dem Bewusstsein zu arbeiten, ist also, zu lernen, wie man die Aufmerksamkeit zwischen den therapeutischen Kräften und dem Läsionsfeld im Patienten aufteilt. So bringen wir den Schülern bei, die Läsion zu fühlen. Wir bringen ihnen bei, anstatt sich nur auf die Läsion zu konzentrieren, sich auch auf die Anwesenheit der primären Respiration im Ganzen zu konzentrieren. Wir fangen also an, die Aufmerksamkeit zu teilen: zwischen dem, was lokal passiert und dem, was systemisch passiert. Sieht man sich jetzt richtig gute Osteopathen an, unabhängig davon, ob sie biomechanisch orientiert sind oder funktionell, oder beides - denn viele Leute sind das - und verfolgt, wie sie reifen, bis sie ca. 25 Jahre Praxiserfahrung haben, so fällt Folgendes auf: Sie behandeln lokal, aber sie beobachten das Ganze. Ich meine, sie machen das einfach. Wir müssen also Menschen darin ausbilden, ihr Bewusstsein zu öffnen und zu erweitern. Wir bilden sie nicht wirklich darin aus, wie sie ihr Bewusstsein benutzen, das wissen sie schon. Wir müssen alle die ganzen schlechten Angewohnheiten loswerden. Die Menschen starren: Sie sind gewohnt in den Fernseher zu starren, sie sind gewohnt Computer anzustarren. Zudem gibt es in der westlichen Welt viel Augenkontakt. Und so ist keiner daran gewöhnt, die Person, mit der er spricht, so anzusehen, als wenn er in einem Ozean sitzen würde. ... Also, wenn ich hier sitze und Sie ansehe, sehe ich Sie, aber der Kontext, indem Sie sich befinden, ist dieser riesige Ozean. ... Also sind Sie wie dieser kleine Fisch im Ozean. ... Man bringt also die Schüler dazu, den Hintergrund und den Vordergrund zu sehen - beide zusammen, solange, bis wir den Hintergrund in den Vordergrund schieben können. Wenn wir einmal den Hintergrund in den Vordergrund gerückt haben, können wir einen neuen Hintergrund dazu bringen. Was letztendlich passiert, ist, dass jeder Einzelne irgendwann den therapeutischen Prozess beobachten kann und auch das Läsionsfeld, alles auf einmal. Bewusstsein ist also wirklich eine sehr große, große Sache. Ich bin wirklich der Meinung, dass Menschen den Umgang mit Bewusstsein nicht lernen können, ohne Zeit alleine zu verbringen, in der unberührten Natur. Ich denke nicht, dass es anders möglich ist.

Interviewer: Gibt es eine Weise, in der sich Menschen um diese bestimmte Fähigkeit kümmern sollten? Was denken Sie?

J. Jealous: ... Beobachtet man die Gedanken, so planen Menschen in unseren Breiten 99% der Tageszeit - sie planen, sie schmieden Pläne. Es gibt keinen Raum für sie, im Sinne Stills, eine Erfahrung mit dem Leben zu machen. Möchte man sich um sein Bewusstsein kümmern, so muss man viel Zeit damit verbringen, nicht auf Informationen zu reagieren, die auf die Sinne einwirken. Wenn man mit dem Auto herumfährt, nimmt man in nur 10 Minuten über den Kopf mehr Informationen auf als man in einem ganzen Leben nutzen kann. So müssen wir lernen, das man seinen Geist leise sein lässt - ihn leise sein lässt, ihn nicht leise hält - und wie man ihn einen völlig anderen Teil an Informationen wahrnehmen lässt. Setzt man 4 Leute an einen Esstisch, ..., wären wir erstaunt, was dabei herauskommt, wenn man jeden einzelnen bitten würde, eine Geschichte darüber zu schreiben, was sie beim Essen gemacht haben. Seine Wahrnehmung zu nutzen heißt nicht, andere auszuspionieren oder zu versuchen, besser als eine andere Person zu sein. Man nimmt eigentlich den Moment wahr. Man nimmt Unglaubliches wahr. Man fühlt diese Bewegung der primären Respiration während des Tages, nicht nur, wenn man am Patienten arbeitet. Man wäre in der Lage, Vorträgen zuzuhören und seine Aufmerksamkeit zu teilen. Es ist völlig unnatürlich, seinen Geist (seine Gedanken) nicht an zwei Stellen auf einmal zu haben. Wir sind konstruiert, so zu funktionieren. Wenn Sie mir diese Frage stellen, ist es für mich so, dass ich zuerst sehe, wie viel Leiden entsteht, wenn man sich nicht darum kümmert. Ich sehe, wie viel Leid es bringt, weil Leute sich nicht selbst ausbilden und sich Zeit nehmen, ihre Aufmerksamkeit zu teilen. Und wenn man sie geteilt hat, und man sich über den See um uns bewusst ist, hat man eine völlig andere Erfahrung, als die Person, die einfach verschlossen ist. Was noch wichtiger ist: Ist es denn gesund, wirklich zu versuchen, seine Aufmerksamkeit auszubalancieren? Wir wissen, dass dabei der Blutdruck und Puls sinkt, die Atmung sich verlangsamt. Wir wissen, dass es Ihre Geduld fördert. Und es gibt einem auch das Gefühl, als wenn man in einer großartigen Weise ein Teil des Lebens ist, anstatt sich nur mit "dem kleinen Beruf" zu identifizieren. Im eigentlichen Sinne heißt das, möchte eine Person das Gefühl haben, sich wohl zu fühlen, so muss sie richtig daran arbeiten. Hinzu kommt, dass es dafür kein Unterstützungssystem gibt. Sollten Sie sich also entschließen, mit Ihrem Bewusstsein zu arbeiten und sich darum zu kümmern, werden Sie nicht viel Unterstützung bekommen. Sie müssen sich darauf wirklich richtig einlassen. Es ist eine große Verpflichtung. ...

Interviewer: Eine abschließende Frage:
Dr. Jealous, wie wäre es, wenn Dr. Still zu einem ihrer Kurse kommen würde? Wie würde er über die Sachen denken, über die Sie sprechen? Was fühlen Sie in ihrem Herzen?

J. Jealous: Das einzige, was ich mit Sicherheit weiß, ist, dass er wissen würde, dass ich versuche, die Wahrheit zu sagen. Ob ich die Wahrheit sage oder nicht, ist irrelevant. Aber ich denke, er würde wissen, dass es aus der richtigen Stelle kommt: aus der Liebe für die Osteopathie. Und ich denke, dass ist das einzige, was ihm wichtig wäre, nicht das "wie" ... - das Modell ist nicht so wichtig, wie das, was mit den Patienten passiert, wenn sie gesund werden. Dieses Modell ist eigentlich dazu konzipiert, sich in ein Besseres aufzulösen. ...

 

zurück zu den Publikation