Tom Esser M.Sc.
Osteopath D.O. M.R.O.
und Heilpraktiker
Britischer Osteopath GOC
Mitglied von VOD/AAO/GOC

Publikationen

Nystagmus

erschienen in "DO" Deutsche Zeitschrift für Osteopathie, April 2005

 

Nystagmus (Augenzittern) zeigt sich durch unwillkürlich rhytmische Bulbusbewegungen, die horizontal, vertikal und rotatorisch sein können. Man unterscheidet zwischen peripherem Nystagmus (meist mit Schwindel) bei Erkrankungen von Labyrinth und N. vestibularis und zentralem Nystagmus bei Erkrankungen von Hirnstamm und Kleinhirn.

Patient und Symptomatik

Eine Mutter kam mit ihrem 16 Monate alten Mädchen im September 2004 in meine Praxis. Das Mädchen hatte einen Nystagmus und schielte.

Anamnese. Nach einer ganz normalen Schwangerschaft und Geburt kam das Mädchen zur Welt. Die Geburt dauerte siebeneinhalb Stunden, für den Kopf wurden vier Presswehen benötigt, nach der Geburt erschien das Kind etwas bläulich, so die Mutter. Das Kind spuckte ab zweieinhalb Wochen und wurde mit Erfolg wegen einer Pylorus-Stenose operiert. Mit einem dreiviertel Jahr stellte die Kinderärztin leichtes Schielen fest, das sich nach drei Monaten verstärkte. Daraufhin war es zur weiteren Untersuchung beim Augenarzt, der ein deutliches Schielen und Nystagmus feststellte und das Kind zu weiteren Untersuchungen an eine Augenklinik überwies. Im dort gemachten EEG fand sich eine altersgerechte allgemeine Hirnstromaktivität, mit diskreten Hinweisen auf eine unspezifische Erregbarkeitssteigerung und tieferer Hirnstrukturen, diese wurden jedoch für dieses Alter als Grenzbefund gewertet und hatten daher aus schulmedizinischer Sicht keine pathologische Bedeutung. Sonographie des Schädels war ohne Auffälligkeiten, ebenso ein er des Schädels. Es gab keine Zeichen für einen gesteigerten Hirndruck, insgesamt zeigte das Kind eine altersgerechte Entwicklung in allen Bereichen.
Es wurde mit der Mutter eine nochmalige Kontrolle in sechs Monaten vereinbart. Lediglich für das Schielen gab es eine Brille, die das Mädchen leider nicht trug.
Laut der Mutter verlief die Entwicklung normal und es gab keine besonderen Erkrankungen oder Traumata.

Befunde

Auffällige osteopathische Läsionen:
• Lagebedingte Hinterhauptplagiozephalie
• Kompression der SSB, hohe Spannung der RTM
• fester Kopf mit dafür typischen "Dickkopf-Verhalten" des Kindes
• fehlende longitudinale Fluktuation.

Therapieansatz

Da alle pathologischen Ursachen ausgeschlossen wurden, lag der Verdacht nahe, dass es sich hier um einen "funktionellen" Nystagmus mit Schielen handle, ausgelöst durch die hohe Spannung im Kopf und die Plagiozephalie.

1. Behandlung:
Wiederherstellung der longitudinalen Fluktuation durch eine CV-4-Technik. Dekompression der SSB und Verbesserung der Mobilität des RTM.

Ergebnis: 
Das Schielen des Mädchens war kaum noch wahrnehmbar und der Nystagmus deutlich besser. Außerdem berichtete die Mutter, dass das Kind viel ausgeglichener und weniger "dickköpfig" sei.

2. Behandlung nach 2 Wochen:
Globale myofasziale Behandlung durch die "Geburtsspirale". Modellier-Technik für den abgeflachten Hinterkopf. Behandlung des Gesichtsschädels und speziell der Augenhöhle und der extraokulären Augenmuskulatur. Dekompression des Groß- und Kleinhirns (Lösung beider Schichten des Tentoriums).

Ergebnis:
Das Schielen ist ganz verschwunden und es gibt nur bei extremer lateraler Bewegung des Auges einen Nystagmus, der jedoch ganz normal ist (physiologischer Endstellungsnystagmus). Die Mutter berichtete, dass die Umgänglichkeit des Kindes sich erheblich verbessert hat und man kaum noch von ihm als "Dickkopf' reden kann.

Diskussion. Nystagmus und Strabismus haben häufige pathologische Ursachen und müssen als erstes immer schulmedizinisch abgeklärt werden!

An diesem Fall kann man sehen, dass die erhöhte Spannung und damit auch verminderte Zirkulation nicht nur einen Effekt auf das Nervensystem hatte, sondern auch auf das Verhalten des Kindes.

Fazit
Osteopathen haben häufig bei Fällen von unklarer Genese gute Erfolge.
Gerade wenn die Mobilität und Motilität normalisiert wird, kann die Funktion wiederhergestellt werden und es kommt zu einer Autoregulation.
Durch Behandlung des "ganzen Menschen" hat man oft mehr Erfolge, als wenn nur symptomatisch auf das "Problem" eingegangen wird.

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